Warum das Extreme niemals normal werden darf

Am vorvergangenen Wochenende konnten wir live verfolgen, wie der Berliner Ultra-Marathonläufer Arda Saatci innerhalb von 96 Stunden 600 Kilometer durch den Westen der USA laufen wollte. Auch ich war fasziniert davon, dass das, was dieser Typ vorhatte, der absolute Wahnsinn ist. Auch wenn er am Ende 123 Stunden gebraucht hat, um die gut 14 Marathonläufe am Stück zu absolvieren, ist diese Leistung kaum greifbar und hat wieder einmal gezeigt, wie es möglich ist, die eigenen Grenzen zu verschieben. Die Tausenden Menschen, die diesen Weg mitverfolgt und den Hut davor gezogen haben, unterstreichen diese einzigartige Leistung. Und trotzdem kam neben der Faszination in mir auch ein Störgefühl auf. Das Ausmaß, mit dem dieser Lauf verfolgt wurde, hat mich irritiert, und ich war damit nicht allein. Auch Christoph Becker hat am vergangenen Mittwoch in der FAZ in seinem Kommentar ein ähnliches Gefühl benannt. Uns droht gerade die Realität wegzulaufen. Eine Entwicklung, die ich bereits länger mit großer Sorge betrachte.

Machen wir uns nichts vor: Das Ausloten von Grenzen, dieses „Schneller, Höher, Weiter“, ist die DNA des Leistungssports. Jede Athletin und jeder Athlet möchte herausfinden, wie weit die individuelle Leistungsgrenze verschoben werden kann. Das ist schon immer so gewesen, und es wird auch in Zukunft das Ziel sein, den menschlichen Körper weiter zu optimieren und dabei auch Erkenntnisse der Wissenschaft einzubeziehen, im medizinischen oder auch im technischen Bereich. Was dabei jedoch aktuell aus dem Fokus zu geraten scheint, ist der Fakt, dass Leistungen wie die von Arda Saatci absolute Extreme und eine Ausnahme sind. Extreme, die nur erbracht werden können mit der Hilfe von jahre- oder meist gar jahrzehntelangem Training, körperlicher und mentaler Ausnahmekonstitution und finanzieller Unterstützung auf höchstem Niveau. Die Normalität ist eine andere: Einen Marathon zu laufen, ist bereits eine Ausnahme, die nicht einfach so geleistet werden kann. Auch wenn es mich fasziniert und gleichzeitig befremdet, wie viele Leute das mittlerweile versuchen, ist es ein Fakt und keineswegs verwerflich, dass viele dieser Versuche nicht erfolgreich sind.

Es ist gut, dass Saatci, in einem „Focus“-Interview öffentlich erklärt hat, sein Projekt sei nicht zum Nachahmen empfohlen. Der Eindruck, der durch die Aufmachung seines Laufes entsteht, ist jedoch ein anderer: Immer mehr Menschen halten es nicht nur für möglich, sondern sogar für erstrebenswert und irgendwie schon selbstverständlich, die von der eigenen Physis gesetzten Grenzen unter Einbezug sämtlicher zur Verfügung stehenden Mittel so weit zu verschieben, dass das Extreme zum Normalen wird.

Kein seriöses Medium kommentiert die perverse Show positiv

Eine Show, die exemplarisch für genau dieses Denken und Handeln steht, sind die „Enhanced Games“ (besser bekannt unter dem Namen „Doping-Spiele“), die am Pfingstwochenende in Las Vegas ihre Premiere haben sollen. Rund 50 Teilnehmende in den olympischen Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen sowie im Gewichtheben treten dort an, um unter expliziter Freigabe von Dopingmitteln Weltrekorde zu brechen. Wem das gelingt, der kann sich einen Bonus von einer Million US-Dollar sichern. Wer einfach nur gewinnt, kann bis zu einer Viertelmillion kassieren; die Antrittsgage in fünfstelliger Höhe ist allen garantiert.

Es könnte mich beruhigen, dass unter den Premierengästen außer dem früheren 100-Meter-Weltmeister Fred Kerley, der wegen eines Dopingvergehens bereits suspendiert ist, keine Athlet*innen auf Weltklasseniveau ihre Teilnahme zugesagt haben. Alle internationalen und nationalen Fachverbände sowie das IOC und die WADA verurteilen die Pläne der Organisatoren und haben geschlossen erklärt, dass alle Teilnehmenden künftig nichts mehr im sauberen Sport zu suchen haben. Es gibt kein seriöses Medium weltweit, das die „Enhanced Games" positiv kommentiert, und selbst in den USA keinen Medienpartner, der diese perverse Show begleiten möchte. Und trotzdem: Allein die Diskussionen, die darüber entstanden sind, richten bereits immensen Schaden an. Überhaupt in Erwägung zu ziehen, ob es für den durchschnittlichen Menschen zur Mode werden soll, seine Grenzen mittels verbotener, unkalkulierbar gesundheitsgefährdender Stoffe ins Extreme zu verschieben, richtet immensen Schaden an. Weil es unterstreicht, wie weit unsere Gesellschaft, deren Spiegel der Sport ist, zu gehen bereit scheint.

Klarzustellen ist: Die Summen, die im Raum stehen, rechtfertigen das Nachdenken über eine Teilnahme. Insbesondere für Athlet*innen, die nicht aus Europa kommen, ist die Möglichkeit, auf einen Streich für das eigene und die Leben der Familie ausgesorgt zu haben, mehr als verlockend. Gesundheitliche und ethische Bedenken verschwinden dahinter. Es fällt mir daher schwer, jemanden zu verurteilen, der dieser Verlockung nachgeht. Es muss jedoch klar sein: Wer sich einmal öffentlich für Doping ausgesprochen hat – und bereits die Teilnahme an den Enhanced Games ist ein solches Statement –, hat im sauberen Sport nichts mehr zu suchen. Hier sehe ich einen Unterschied zu denen, die einen Dopingverstoß begangen haben, aber Reue zeigen und sich grundsätzlich gegen Doping positionieren. Für diese sieht unser System eine zweite Chance vor. Befürworter*innen von Doping haben diese nicht verdient.

Diversity Day: So lebt ihr Vielfalt im Sportverein

Vielfalt ist eine zentrale Stärke des Sports. Jeden Tag bringen Sportvereine Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Fähigkeiten und Lebensrealitäten zusammen. Gleichzeitig zeigt sich: Vielfalt entfaltet sich nicht von selbst, sie braucht Bewusstsein, Strukturen und konkrete Unterstützung im Alltag der Vereine.

Der DOSB stellt dafür verschiedene praxisnahe Angebote bereit. Sie unterstützen Vereine dabei, Zugänge zu erleichtern, Barrieren abzubauen und eine offene, wertschätzende Vereinskultur zu fördern. Im Folgenden ein Überblick über ausgewählte Tools, Qualifizierungen und Formate:

„Es gibt von mir keinen erhobenen Zeigefinger und keine unerbetenen Ratschläge“

Am Türmersturm, dem Wahrzeichen der Stadt Tauberbischofsheim, weht seit 2013 die Fahne mit den Olympischen Ringen. Dass sie an diesem Frühlingstag kopfüber an ihrem Mast flattert, könnte man fast symbolisch deuten, schließlich ist der Mann, zu dessen Ehren sie gehisst wird, seit Juni vergangenen Jahres nicht mehr Kopf des Internationalen Olympischen Komitees. „Ich habe das Amt noch keine Minute vermisst“, sagt Dr. Thomas Bach, als er den Besuch aus dem DOSB in seinen neuen Büroräumen in der Altstadt von Tauberbischofsheim empfängt. Um seine Zeit als IOC-Präsident soll es im Gespräch aber auch nur am Rande gehen. Anlass für das Treffen, für das der weiterhin eng getaktete Team-Olympiasieger im Fechten von 1976 75 Minuten Zeit freigeräumt hat, ist der 20. Jahrestag der Gründung des DOSB, dessen erster Präsident er im Mai 2006 wurde.

Herr Dr. Bach, der 20. Mai 2006 ist ein geschichtsträchtiges Datum im deutschen Sport. Welche Erinnerung dominiert, wenn Sie an diesen Tag denken?

Thomas Bach: Bei mir ist das ganz deutlich die Erinnerung an die Gründungsfeier in der Frankfurter Paulskirche, die als Wiege der deutschen Demokratie einen sehr besonderen Stellenwert besitzt. Dort die Gründung des Deutschen Olympischen Sportbunds feierlich mit einer ganzen Reihe höchstrangiger Gäste begangen zu haben, hat mich sehr bewegt. Ganz besonders habe ich mich darüber gefreut, dass der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu den Gästen zählte. Für mich verkörperte er eine Mischung aus väterlichem Freund und Vorbild. Er hatte mir schon vor der Gründung zugesichert, dass er bereit wäre, sich als Persönliches Mitglied des DOSB zur Wahl zu stellen. Seine Bereitschaft mitzuwirken, hat dem DOSB in seiner Gründungszeit sehr gut getan. Für mich persönlich war es eine große Geste der Verbundenheit, an die ich mich auch 20 Jahre danach noch besonders gern erinnere.

Wie hat sich damals angebahnt, dass Sie erster Präsident des DOSB werden würden? Wie ist diese Idee entstanden?

Ich hatte schon Mitte der 90er-Jahre einen ersten Versuch unternommen, die Fusion zwischen dem Deutschen Sportbund und dem Nationalen Olympischen Komitee anzubahnen. Damals gab es ein Gipfeltreffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und dem langjährigen NOK-Präsidenten Willi Daume, an dem auch Vertreter großer Sponsoren wie der Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG, Edzard Reuter, oder Bernd Schiphorst von Bertelsmann teilnahmen. Dort wurde die Idee diskutiert und vom Kanzler befürwortet, sie ist jedoch innerhalb des deutschen Sports zerredet und kleingehalten worden. Insbesondere Daumes Nachfolger Walther Tröger war ein entschiedener Gegner einer Fusion. Erst als Tröger 2002 von Klaus Steinbach abgelöst wurde, kam wieder Bewegung in dieses Thema. Zwischen Steinbach und Manfred von Richthofen, der als DSB-Präsident viele Jahre für eine bessere Kooperation geworben hatte, entwickelte sich ein guter Kontakt. Schließlich wurde eine Findungskommission gegründet, um mögliche Kandidaten für die DOSB-Präsidentschaft vorzuschlagen. Diese kontaktierte mich und fragte, ob ich bereit wäre, dieses Amt zu übernehmen.

Was hat Sie dazu bewogen, sich tatsächlich dieser Aufgabe zu stellen?

Ich habe intensiv mit mir gerungen. Letztlich waren es die Gespräche mit meiner Frau und engen Freunden, die den Ausschlag gegeben haben. Sie alle haben zu mir gesagt: Du kannst nicht immer eine Fusion fordern, aber dann kneifen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Du musst das machen! Also habe ich mich zu einem Gespräch bereit erklärt. Vorsitzender der Findungskommission war der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger. Eine Frage, an die ich mich erinnere, war angesichts der bekannten Kontroversen zwischen NOK und DSB, welchen der beiden Generalsekretäre ich weiterbeschäftigen würde. Auf meine Antwort – keinen von beiden – reagierte die Kommission überrascht, aber auch etwas erleichtert, weil beide Seiten wohl befürchtet hatten, ich würde die jeweils andere Partei bevorzugen. Mir schwebte aber ein anderes Profil vor: Ein Generaldirektor, der den DOSB kraftvoll führen und nach außen vertreten sollte. Das wurde akzeptiert. Am Ende hat die Kommission vorgeschlagen, mich zum Gründungspräsidenten des DOSB zu wählen.

Worin haben Sie vor 20 Jahren die größten Chancen der Fusion von DSB und NOK gesehen, worin die größten Risiken? Warum haben Sie damals geglaubt, dass die Fusion der richtige Schritt sein würde?

Die größte Chance habe ich darin gesehen, den deutschen Sport zu vereinen und dafür zu sorgen, dass er mit einer Stimme spricht und als Einheit wahrgenommen wird. Es war damals offensichtlich, dass DSB und NOK im besten Fall nebeneinander herumwerkelten, oftmals aber auch gegeneinander. Das hat zu Parallelarbeit und Missverständnissen geführt, zu Mehraufwand und unnötiger Bürokratie. Das ging so weit, dass Sportfachverbände, die im NOK und im DSB Mitglied waren, in der einen Organisation A und in der anderen B gesagt haben, was wiederum dazu führte, dass in einigen Fällen die beiden Dachverbände gegeneinander ausgespielt wurden. Dadurch war der deutsche Sport in der Gesellschaft beinahe irrelevant geworden, und das ist der Grund, warum ich mich vehement für die Fusion eingesetzt und geglaubt habe, dass sie der richtige Schritt sein würde. Das Risiko lag natürlich auf der Hand: Dass es nicht gelingen könnte, die beiden Organisationen zusammenzuführen, und dadurch ins Chaos abzugleiten.

Wie haben Sie in der Anfangszeit des DOSB die Stimmung in der deutschen Sportfamilie wahrgenommen?

Mir war klar, dass meine erste Aufgabe sein würde, die erhoffte Einheit herzustellen, Skepsis abzubauen und die Mitgliedsorganisationen hinter dem neuen Dachverband zu versammeln. Deshalb habe ich bei meiner Amtseinführung auch darauf bestanden, dass eine geheime Wahl durchgeführt wird und wir sehen konnten, wo wir stehen und ob es wirklich eine stabile Mehrheit für unser Team geben würde. Direkt nach der Wahl haben die Mitglieder dann in der Paulskirche gespürt, welche Relevanz der Sport entwickeln kann und dass er in der Gesellschaft anerkannt werden würde. Man sah die Chance, die die Fusion bot. In meiner Rede habe ich klare Ziele formuliert, mit deren Hilfe wir den gesellschaftlichen Wert des Sports in unserem Land steigern wollten, in dem wir die dem Sport eigenen Werte hervorheben. Das war der rote Faden.

Worin lagen für Sie zum Start die höchsten Hürden?

Besonders hart war eine spätere Phase, als Hans-Peter Krämer, unser Vizepräsident Wirtschaft und Finanzen, feststellte, dass der DSB zum Zeitpunkt der Fusion finanziell in sehr schwierigem Fahrwasser navigierte. Kurz gesagt: Es türmten sich unerwartete finanzielle Probleme auf, die Hans-Peter Krämer lösen musste. Zum Glück ist ihm dies durch Umschichtung von Verpflichtungen gelungen, zudem stimmten die Mitglieder einer Beitragserhöhung zu. Dazu kam, dass der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger dem DOSB mit einem Millionenbetrag aus dem Gewinn der Fußball-WM 2006 half. Von dem DFB-Geld haben wir die Stiftung Deutscher Sport gegründet.

Was oder wer hat Ihnen am meisten geholfen, die Startprobleme zu überwinden?

Ich hatte ein glänzendes Team an meiner Seite. Schon in der ersten Präsidiumssitzung habe ich den Willen gespürt, die Einheit herbeizuführen und die Fusion zu einem Erfolg zu machen. Das war eine wirklich gute Truppe. Überrascht habe ich aber fast alle mit meinem Vorschlag, Michael Vesper zum Generaldirektor zu berufen, was heute die Rolle des Vorstandsvorsitzenden ist. Das hat doch für einige Skepsis gesorgt: Ein starker Realo-Grüner, der für sein Selbstbewusstsein berüchtigt war! Ich habe argumentiert, dass starke Persönlichkeiten, die die Besten ihres Fachs sind, genau das waren, was der DOSB brauchte. Auch bei dieser Personalie hat mich Hans-Peter Krämer tatkräftig unterstützt, und das hat sehr geholfen, dass Michael Vesper anerkannt und respektiert wurde. Nach sechseinhalb Monaten fand dann die erste Mitgliederversammlung statt, der wir mit großer Spannung entgegengeblickten, weil doch einige hochstrittige Themen diskutiert werden sollten. Einige Medien hatten schon zu jubeln begonnen, dass sich der neu gegründete DOSB selbst zerlegen würde. Wir haben dann aber für alle wichtigen Themen Mehrheiten zwischen 95 und 100 Prozent bekommen. Von da an wussten wir: Der Anfang ist gemacht! Trotzdem war mir bewusst, dass die Einheit jeden Tag neu gepflegt und das Vertrauen jeden Tag aufs Neue erworben werden musste.

Welche Projekte waren für Sie in Ihrer Amtszeit im DOSB die prägendsten?

Sehr glücklich bin ich, dass es uns gelungen ist, das System der Leistungssportförderung umzustellen, weg von einer Belohnung von Verbänden für vergangene Leistungen, hin zu einem System, das Investitionen in die Zukunft in den Vordergrund stellt, begleitet von Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden. Dieses System wurde abgesichert durch ein Memorandum of Understanding mit dem Bundesinnenministerium, das die Autonomie des DOSB garantierte. Nach vielen Jahren des Stillstands hat diese Neuordnung auch zu einem Mittelaufwuchs geführt. Ein weiteres Thema, das mir extrem am Herzen lag, war die Gleichberechtigung und Frauenförderung, die vor allem dank Ilse Ridder-Melchers vorangetrieben wurde. Die Frauen-Vollversammlung im DOSB war immer meine Lieblingsveranstaltung, nirgends habe ich mehr Energie und Motivation für stete Verbesserung gespürt. Dazu kam dann noch die starke Erweiterung des Programms Integration durch Sport, das wir mit der Hilfe des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble auf ein neues Niveau heben konnten. Damals habe ich wichtige Dinge gelernt, die mir später im IOC beim Aufbau der Olympic Refuge Foundation sehr geholfen haben.

In Ihre Amtszeit fielen auch die über Missbrauchsfälle im Bereich von Waldorfschule und Kirche angestoßenen Diskussionen um sexualisierte Gewalt im Sport, die auch aktuell ein sehr intensives, vielschichtiges Thema sind. Wie haben Sie diese Themen geprägt?

Wir haben damals sofort proaktiv bekannt, dass es auch in Sportvereinen solche Fälle gibt. Ingo Weiss war dafür zuständig und hat den DOSB mit großem Einfühlungsvermögen positioniert. Ich hatte in dieser Zeit ein Gespräch mit der Bundesbeauftragen für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann. Nachdem wir uns über die Kernpunkte einer Zusammenarbeit geeinigt hatten, sagte ich zu ihr, dass ich mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen könne als ihre Aufgabe, bei der sie ständig mit dem Leid von Kindern konfrontiert war. Da platzte es regelrecht aus ihr heraus, sie schilderte schlimmste Fälle von sexueller Gewalt an Kindern in Familien. Das hat mich unglaublich mitgenommen, ich werde dieses Gespräch niemals vergessen. Wir haben das Thema Prävention dann im DOSB weiter vorangetrieben. Vorher hatten wir schon ein Projekt gegen Gewalt an Frauen umgesetzt, mit der Profibox-Weltmeisterin Regina Halmich als Testimonial. Projekte wie dieses waren und sind mir bis heute extrem wichtig.

Was hätten Sie in Ihrer Zeit als DOSB-Präsident gern umgesetzt, sind aber nicht (mehr) dazu gekommen?

Da muss ich drei Dinge nennen. Erstens ist es mir nicht gelungen, eine Forderung aus meiner Gründungsrede zu realisieren: Die Förderung des Sports und den Schutz seiner Autonomie im Grundgesetz als Staatsziel zu verankern. Das wurde auch vom Bundespräsidenten a.D. Richard von Weizsäcker unterstützt. Schließlich konnte sich der Bundestag leider nur zu einer Resolution durchringen, in der die Werte des Sports und die Rolle des DOSB gewürdigt wurden. Zweitens haben wir es leider nicht geschafft, die Trainerausbildung wieder zu einer akademischen Ausbildung zu machen und das Vergütungssystem der Bedeutung des Berufs anzupassen sowie dem Aufwand und Einsatz Rechnung zu tragen, den unsere Trainerinnen und Trainer leisten. Auch die Gestaltung längerfristiger Verträge haben wir nicht umsetzen können. Wir haben zwar Fortschritte gemacht, aber nicht in dem Maße, in dem ich mir das gewünscht hatte. Und drittens, meine bitterste Niederlage: Das Scheitern der Bewerbung Münchens um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2018 auf der IOC-Session 2011 in Durban. Das hat mich extrem getroffen, weil das ein Projekt war, hinter dem der damals noch immer junge DOSB in seiner Gesamtheit stand.

5 Ringe – 5 Fragen: Berliner Abgeordnetenhaus stimmt über Olympiabewerbung ab

Wie sieht das Konzept Berlin+ aus?

Berlin setzt bei seiner Bewerbung auf Spiele im Herzen der Stadt. Die Hauptstadt selbst soll zur olympischen und paralympischen Bühne werden: mit kurzen Wegen, bestehenden Anlagen und einem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit. 97 Prozent der benötigten Sportstätten sind nach Angaben des Senats bereits vorhanden.

Ein Schwerpunkt liegt im Olympiapark im Westen Berlins, wo sieben Sportarten gebündelt werden. Im Olympiastadion sind die Leichtathletikwettbewerbe geplant, direkt daneben die Schwimmwettkämpfe. Dafür soll das Olympiaschwimmstadion überdacht, erweitert und modernisiert werden – mit dem Ziel, internationalen Anforderungen zu genügen und zugleich das Angebot an Wasserflächen für die Berliner Bevölkerung zu verbessern.

In unmittelbarer Nähe zum Olympiapark ist auch das Olympische und Paralympische Dorf vorgesehen. Am Stadteingang West, zwischen den S-Bahnhöfen Westkreuz und Grunewald, soll auf rund 45 Hektar ein neues Stadtquartier entstehen. Die Athlet*innen wären dessen erste Bewohner*innen. Anschließend wird das neue Quartier an die Berliner*innen übergeben: Vorgesehen sind mindestens 2.500 bezahlbare Wohnungen sowie Grünflächen, Sport- und Begegnungsräume.

Weitere Wettkampfstätten sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt: unter anderem die Uber Arena für Handball und Judo, die Max-Schmeling-Halle für Volleyball, das Velodrom für den Bahnradsport, die Alte Försterei für Rugby sowie das Sportforum Hohenschönhausen für Fechten und Schießen. Zugleich soll der öffentliche Raum Teil der Spiele werden. Geplant sind Wettbewerbe vor dem Brandenburger Tor, urbane Sportarten auf dem Tempelhofer Feld, der Marathon entlang historischer Orte und der Triathlon an der East Side Gallery. Das Konzept setzt damit bewusst auf Bilder, die den Sport in die Stadt holen und die Menschen nah an die Spiele bringen.

Für seine Bewerbung arbeitet Berlin zudem mit Partnerstandorten zusammen. Sachsen bringt mit Leipzig erprobte Sportstätten ein, unter anderem für die Reitwettbewerbe und Kanuslalom. In Brandenburg sollen unter anderem die Kanu- und Golfwettbewerbe stattfinden. Rostock-Warnemünde und die Ostseeküste sind im Konzept als Austragungsorte für die Segelwettkämpfe vorgesehen.

Was ist über den Sport hinaus geplant?

Athlet*innen, Fans und Gäste aus aller Welt sollen Berlin nicht nur als Gastgeber, sondern als offene und kulturell vielfältige Metropole erleben. Dafür hat die Hauptstadt ein Host‑City‑Konzept entworfen, das Sport, Teilhabe und Kultur in den Mittelpunkt stellt.

Herzstück des Konzeptes ist ein Olympischer Parcours – ein urbaner Erlebnisweg vom Olympiastadion über das Berliner Zentrum bis zum Tempelhofer Feld und dem ehemaligen Flughafen. Entlang dieser Strecke sollen temporäre Orte für Bewegung, Kultur, Public Viewing und Begegnung entstehen. Ein besonderes Zeichen setzt dabei eine geplante temporäre Brücke über dem Brandenburger Tor.

Mit zentralen Momenten wie der Eröffnungsfeier auf dem Tempelhofer Feld, Medaillenfeiern am Brandenburger Tor sowie Fanzonen in den Bezirken sollen die Spiele für möglichst viele Menschen erlebbar werden – als Ereignis für die gesamte Stadt. Eine Kulturolympiade bildet dabei die inhaltliche Klammer und macht Olympische und Paralympische Spiele zu einem gemeinsamen, inklusiven Großereignis.

Wie wurden die Bürger*innen in die Planungen eingebunden?

Die Hauptstadt setzte von Beginn an auf einen offenen, dialogorientierten Beteiligungsprozess. Die Berliner*innen konnten ihre Perspektiven, Ideen und Erwartungen auf verschiedenen Wegen einbringen und die Bewerbung mitgestalten – etwa über Online-Beteiligungen, Workshops, Kieztouren und ein Bürgerforum.

Das Ergebnis dieser Beteiligung ist eine „Bürgercharta für Olympia“. Sie hält fest, wofür die Spiele stehen sollen und welchen konkreten Nutzen sie für Berlin haben müssen. Die Charta bündelt die vielen Stimmen aus der Stadt zu Handlungsempfehlungen, die in die Bewerbung eingeflossen sind – und zeichnet das Bild von alltagsnahen, inklusiven Spielen, die die Stadt spürbar voranbringen.

Hinzu kommt die erfolgreiche Volksinitiative „Die Spiele für Berlin“ des Landessportbundes Berlin. Insgesamt wurden 28.000 Unterschriften gesammelt, 8.000 mehr als erforderlich, mit dem Ziel, einen Beschluss des Abgeordnetenhauses für eine Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele zu erreichen. Dieser Beschluss soll am 21. Mai gefasst werden.

Was ist über Einnahmen und Kosten bekannt?

Für alle vier deutschen Bewerber hat der DOSB das sogenannte Games Operational Budget (GOB) kalkuliert – also jene Ausgaben, die direkt mit Planung und Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele verbunden sind. Nach diesen Berechnungen bewegen sich die Kosten in einer Größenordnung, wie sie zuletzt bei den erfolgreichen Spielen von Paris 2024 erreicht wurde. Zugleich gilt: Wie schon in Paris sollen die operativen Ausgaben in allen Konzepten durch Einnahmen rund um die Spiele gedeckt werden. Realistisch ist in allen vier Fällen sogar ein Überschuss möglich.

Unabhängig davon sieht Berlin rund um die Spiele zusätzliche Investitionen von insgesamt 1,6 Milliarden Euro in Sportstätten und Verkehr vor. Der Großteil des Geldes soll aus öffentlichen Mitteln kommen und in sogenannte Legacy-Projekte fließen – also Vorhaben mit langfristigem Nutzen für die Stadtgesellschaft. Geplant ist unter anderem, 80 Sportstätten für den Breitensport zu sanieren oder zu modernisieren, darunter Schulsporthallen, Schwimmbäder und Vereinsanlagen. Weitere 440 Millionen Euro sollen in mehr Bewegung und sportliche Förderung für Kinder und Jugendliche fließen – etwa in Angebote an Ganztagsschulen, Talentförderung, zusätzliche Schwimmkurse, Sportplätze und sogenannte Bewegungsinseln in Parks.

Wie geht es weiter und was bedeutet der Beschluss des Abgeordnetenhauses für die Bewertung des DOSB?

Wie alle Bewerber muss auch Berlin sein finales Konzept bis zum 4. Juni beim DOSB einreichen. Anschließend werden die Unterlagen nach verschiedenen Kriterien bewertet – darunter sportfachliche Eignung, nationale Akzeptanz, internationale Wettbewerbsfähigkeit, Kosten und Finanzierung sowie Fragen der nachhaltigen Wirkung über die Spiele hinaus.

Auch der Beschluss des Abgeordnetenhauses fließt in die Gesamtbewertung ein. Anders als in Hamburg, KölnRheinRuhr und München kann Berlin aus rechtlichen Gründen grundsätzlich keine eigene Volksabstimmung auf den Weg bringen. Deshalb ersetzt der Beschluss des Abgeordnetenhauses in Berlin ein Referendum und belegt die politische Unterstützung des Landesparlaments für die Bewerbung.

Die endgültige Entscheidung über das deutsche Bewerbungskonzept fällt am 26. September. Dann wählt eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB den deutschen Kandidaten für die Olympiabewerbung.

Klare Haltung für einen offenen und vielfältigen Sport

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Deutsche Sportjugend (dsj) erneuern und stärken ihre gemeinsame Haltung: Der organisierte Sport steht für ein respektvolles, faires und offenes Miteinander – und widerspricht menschenverachtenden und antidemokratischen Haltungen und Handlungen weiterhin entschieden.

Mit einer überarbeiteten Version ihrer Positionierung von 2020 reagieren DOSB und dsj auf gesellschaftliche Entwicklungen und die damit entstehenden Fragen, wie Sportvereine und -verbände mit vielfältigen Spannungen umgehen können, beispielsweise mit einer bedenklichen Normalisierung antidemokratischer und menschenfeindlicher Positionen. Zugleich zeigen viele Vereine, Verbände und (junge) engagierte Haltung für ein demokratisches Miteinander – etwa durch klare Positionierungen und sichtbares Engagement.

Jasmin Bleul: Heim-EM als Abschluss einer herausragenden Karriere

Körpersprache ist ihr Metier. Aber dass sie auch ihre Worte so präzise einzusetzen weiß wie ihre Gliedmaßen, beweist Jasmin Bleul schon bei der Einstiegsfrage. Wenn sie heute auf die Person schaue, die sie war, als sie 2012 zum ersten Mal an einer Europameisterschaft im Karate teilnahm, welche Veränderung falle ihr ganz besonders auf, lautete die Frage. „Der größte Unterschied zu damals ist, dass ich gelernt habe, belastende Dinge schnell abzuhaken. Ich kann heute richtig lange leiden, ohne daran zu zerbrechen. Damals habe ich mir sehr vieles von dem zu Herzen genommen, was von außen kam. Heute weiß ich: Die Menschen, die einen kritisieren, sind zu 99 Prozent Menschen, die nicht so viel erreicht haben in ihrem Leben wie die, die sie attackieren, deshalb kann ich damit viel entspannter umgehen“, antwortet sie.

Das sind nachdenkliche Sätze, aber sie erzählen viel über die Vorzeigeathletin des Deutschen Karate Verbands (DKV), der in dieser Woche sein 50-jähriges Bestehen mit einem ganz besonderen Event feiert: der ersten Heim-EM seit 2003 in Bremen, die von Mittwoch bis Sonntag in der Eissporthalle in Frankfurt am Main stattfindet. Der Grund für den Rückblick auf ihre Karriere dürfte einleuchten: Jasmin Bleul, die am Mittwoch zur Vorrunde antritt, zwei Tage später ihren 33. Geburtstag feiert und am 23. Mai um die Medaillen mitzukämpfen hofft, wird ihre Karriere nach der EM beenden. „Ich habe das nicht an die große Glocke gehängt, aber es ist auch kein Geheimnis. Ich spiele schon länger mit dem Gedanken und finde, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt, als nach dem Saisonhöhepunkt aufzuhören, zu dem all meine Freunde und Familie dabei sein werden“, sagt die aus Mömbris im Landkreis Aschaffenburg stammende Sportsoldatin, die in Wiesbaden lebt, am Frankfurter Bundesstützpunkt trainiert und für den SC Judokan Frankfurt startet.

Für den DKV, der laut aktueller DOSB-Bestandserhebung mehr als 155.000 Mitglieder in rund 2.600 Vereinen vertritt, ist das Turnier eine große Chance, den japanischen Kampfsport in Deutschland noch populärer zu machen. „Der Erfolgsdruck ist hoch, wir haben am Wochenende eine ausverkaufte Halle, was für einen nicht-olympischen Sport etwas sehr Besonderes ist“, sagt Verbandspräsident Wolfgang Weigert. Rund 120 Freiwillige werden das 15 Personen umfassende Organisationsteam unterstützen. Am vergangenen Sonntag kamen zur Jubiläumsfeier rund 500 Karateka zusammen, um in der Frankfurter Leichtathletikhalle gemeinsam mit mehreren Bundestrainern und dem japanischen Großmeister Masao Kagawa am „DKV-Tag“ zu trainieren. „Außerdem sind wir die erste Sportveranstaltung in Deutschland, die von der EU über das Erasmus+ Sport-Programm direkt gefördert wird, weil wir das UN-Projekt Guardian Girls unterstützen“, sagt Wolfgang Weigert.

Jasmin Bleul erlebt in Frankfurt ihre 13. EM

51 Nationen haben für die EM gemeldet, dazu kommen Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus, die unter neutraler Flagge antreten. Deutschland hat alle fünf Gewichtsklassen pro Geschlecht in der Zweikampf-Kategorie Kumite besetzt, am Start sind auch Johanna Kneer (28/KJC Ravensburg/über 68 kg) und Mia Bitsch (22/Bushido Waltershausen/bis 55 kg), die bei den World Games 2025 in Chengdu (China), den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten, Gold gewinnen konnten. Nicht starten kann Reem Khamis (23/Teikyo Team Kaiserslautern/bis 61 kg), die Europameisterin von 2023 laboriert weiterhin an Knieproblemen, die bereits ihre Chengdu-Reise verhindert hatten, musste vor wenigen Wochen operiert werden und ist aktuell in der Reha.

Welchen Status Jasmin Bleul im DKV-Team genießt, lässt sich allein schon daran ablesen, dass sie in Frankfurt zum 13. Mal bei kontinentalen Titelkämpfen auf die Matte geht. „Natürlich bin ich die Erfahrenste in der Mannschaft und versuche, das auch an die Jüngeren weiterzugeben. In erster Linie möchte ich aber diejenige sein, die für gute Stimmung sorgt und Lockerheit reinbringt, denn das ist für mich ein ganz wichtiges Element“, sagt sie.

Um einordnen zu können, was für eine Leistung es ist, als bald 33-Jährige 13 EM-Turniere erlebt zu haben, muss man wissen, dass im Karate in jedem Jahr eine EM ausgetragen wird, und dass Jasmin nicht im Kumite antritt, sondern im Kata. Das ist ein Formenlauf, bei dem die Athlet*innen festgelegte Abfolgen von Kampftechniken gegen imaginäre Gegner ausführen, von denen es mehr als 100 gibt. „Beim Kata gibt es zwar auch viele Verschleißerscheinungen am Körper, aber das Verletzungsrisiko ist deutlich geringer als im Kumite. Ich bin glücklicherweise von schweren Blessuren verschont geblieben und konnte deshalb bis auf 2020, als die EM wegen Corona abgesagt wurde, in jedem Jahr starten“, sagt Jasmin.

„Kein Verein muss sich positionieren, aber jeder sollte sich widerstandsfähig machen“

DOSB: Nina, die neue Fassung der Positionierung, die heute veröffentlicht wird, erneuert und ergänzt die erste von 2020. Warum war es notwendig, diese nach relativ kurzer Zeit so umfassend zu überarbeiten?

Nina Reip: Um diese Frage zu beantworten, bedarf es zunächst einer Klärung: Was ist eine gute Halbwertzeit für eine Positionierung, was soll diese leisten? Ist sie eine einmalige Veröffentlichung, um Haltung zu zeigen? Oder ist sie vielmehr ein Instrument der Organisationsentwicklung, das als inhaltliche Richtschnur fungiert? Es geht bei dieser Positionierung um ein Grundsatzpapier für die Deutsche Sportjugend und den Deutschen Olympischen Sportbund. Genau wie bei einer Satzung, die ja auch ein Grundlagendokument ist, das Veränderungen unterliegt, ist bei einer Positionierung Weiterentwicklung wichtig. Sie ist nicht statisch, sondern sie lebt, weil wir mit ihr und an ihr arbeiten, und das haben wir nun getan.

Was sind denn die wichtigsten Veränderungen, die dazu geführt haben?

Wir haben in den vergangenen sechs Jahren einen vielfältigen gesellschaftlichen Wandel erlebt, angefangen durch die Verwerfungen der Corona-Pandemie. Wir sind als gesamte Gesellschaft veränderten Diskursen, multiplen Krisen und neuen weltpolitischen Begebenheiten ausgesetzt, und all das spiegelt sich in Sportvereinen. Außerdem haben sich auch dsj und DOSB weiterentwickelt, wir haben Themen vorangetrieben, Maßnahmen umgesetzt und lernen zudem von Entwicklungen in unseren Mitgliedsorganisationen. Im Juli 2025 erschien das aktualisierte Gutachten von Richard Gebhardt zur Sportpolitik der AfD, damit haben wir uns intensiv auseinandergesetzt. Dazu kam im September 2025 unser Hearing in der DOSB-Geschäftsstelle in Frankfurt am Main, bei dem die dsj- und DOSB-Mitgliedsorganisationen ihre Erfahrungen geschildert und ihre Bedarfe formuliert haben. Dadurch haben wir vieles noch einmal besser verstanden und uns inhaltlich damit auseinandergesetzt, was wir heute anders formulieren würden als in der Positionierung von 2020. Daraus ist letztlich die überarbeitete Fassung entstanden, die wir heute veröffentlichen.

Wie funktioniert eine solche Überarbeitung technisch, wer ist dafür zuständig und wer hat den DOSB und die dsj extern dazu beraten?

Da es eine gemeinsame Positionierung ist, haben DOSB und dsj zunächst intern die Überarbeitung vorgenommen. Hierzu hat die 2025 geschäftsbereichsübergreifend gebildete Kompetenzgruppe „Sport und Demokratie“ den Auftrag zur Überarbeitung erhalten. Diese hat sich mit Personen aus den Führungskreisen von DOSB und dsj ausgetauscht und zu ausgewählten Themen auch Expert*innen von außerhalb zurate gezogen. Hier wäre exemplarisch Robert Claus zu nennen, der als Fachmann für die Themen Vielfalt und Antidiskriminierung, Rechtsextremismus und Prävention im Sport renommiert ist. Daraus ist die aktualisierte Positionierung entstanden, die sich in drei Bereiche gliedert. Einen Kerntext mit Positionierung und zwei Anhänge. Einer beinhaltet den Maßnahmenkatalog und Handlungsprämissen, die konkret für DOSB und dsj gelten, der andere eine Begriffserklärung als Hilfsinstrument.

Die Einstiegssätze in die neue Positionierung klingen durchaus dramatisch. Was sind die wichtigsten Entwicklungen, die die darin geschilderten Sorgen so deutlich haben wachsen lassen?

Dies muss man aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen sind die Sorgen groß, weil wir die Probleme sehen. Wir haben zwar auch vor sechs Jahren die Augen nicht verschlossen, aber wir erleben nun, dass die Breite des Sports anders für antidemokratische Haltungen und Handlungen sensibilisiert ist, weil es sie mittlerweile selbst betrifft, und das flächendeckend in ganz Deutschland. Andererseits sind die Sorgen gewachsen, weil die Probleme deutlich massiver auftreten. Es gibt eine Partei, die an vielen Stellen antidemokratisch agiert und rechtsextremes Gedankengut verbreitet. Dadurch verschieben sich Grenzen, der Blick auf die Gesellschaft verändert sich, so dass es mittlerweile so gut wie jede Person im Sport betreffen kann. Dazu kommen Entwicklungen auf globaler Ebene, die auf Deutschland abstrahlen. Die Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten haben direkten Einfluss auf die Lage der Menschen in Deutschland, zum Beispiel durch steigende Spritpreise oder durch Konflikte mit antisemitischem Hintergrund, die auf den Sportplätzen stellvertretend ausgetragen werden.

Das Verhältnis von Sport und Demokratie ist vielfältig. An welchen Stellen siehst du gerade das Thema Demokratiebildung in Vereinen und Verbänden, das auf Vereinsebene niedrigschwellig durch Teilhabe an Wahlen oder das Erlernen von Strukturen gefördert werden kann, durch äußere Einflüsse bedroht?

Das ist eine komplexe Frage. Wir müssen zunächst klarstellen, was wir unter Demokratie verstehen. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die die liberale Demokratie abschaffen wollen, aber nicht die Demokratie an sich. Selbst in Sportvereinen, die antidemokratisch aufgestellt sind, wird man auf Wahlen nicht verzichten, aber es stellt sich die Frage, wie offen und zugänglich diese noch sein werden. Sportvereine werden immer Orte des Zusammenseins bleiben, aber auf Grundlage welcher Werte ist dieses Zusammensein organisiert und bleiben Sportvereine ein Ort der Begegnung, der inklusiv ist? Zudem sind es nicht unbedingt äußere Einflüsse, die eine Bedrohung darstellen. Unterwanderungen gibt es, das ist eine Strategie der AfD, die seit 2019 laut entsprechendem Papier existiert. Aber die Mehrheit der Vereine leidet nicht an Unterwanderung. Ihre Herausforderung sind die Mitglieder, die schon da sind und sich den Raum nehmen, ihre antidemokratischen und menschenfeindlichen Haltungen zu propagieren. Der Umgang mit diesen Mitgliedern ist der Knackpunkt. Wie können Sportvereine mit ihnen umgehen, gleichzeitig die Hand reichen und die Werte verteidigen? Das ist herausfordernd, aber machbar.

Es ist in der neuen Positionierung auch davon die Rede, dass sich antidemokratisches Verhalten stärker aus dem digitalen in den analogen Bereich verschoben hat. Ist es belegbar, dass sich mehr Menschen aus der Anonymität des Internets herauswagen und Beleidigungen oder Bedrohungen offener ausgesprochen werden?

Tatsächlich ist eindeutig festzustellen, dass die Hemmschwelle, auch öffentlich bestimmte Aussagen zu treffen, die vor einigen Jahren nicht konsensfähig gewesen wären, deutlich niedriger geworden ist. Es gibt seit vielen Jahren entsprechende Vorbilder im digitalen Raum, von denen sich Menschen Verhaltensweisen abschauen und diese aus dem Netz ins reale Miteinander überführen. Leider bleiben solche Aussagen heute in beiden Räumen zu oft unwidersprochen. Wenn Verletzungen der Menschenwürde aber keine Grenzen gesetzt werden und die Gesellschaft nicht durch allgemeingültige Werte getragen wird, dann werden extreme Einstellungen mehrheitsfähig, und genau das beobachten wir gerade. Sportvereinen erwächst daraus zwar die große Chance, sich deutlich gegen jegliche Form der Radikalisierung zu positionieren, aber auch eine große Verantwortung. Es empfiehlt sich sehr, dass Vereinsmitglieder untereinander aushandeln, worin ein gutes Zusammenleben besteht.

Es ist unter anderem von rechtsextremen und von autoritär-linken Interventionen die Rede. Worin unterscheiden sich die politischen Extreme in ihrer Einflussnahme?

Wir haben nicht nur mit den politischen Extremen zu tun, sondern auch mit religiösem Extremismus. Um es klar zu sagen: In Deutschland ist im Bereich des organisierten Sports der Rechtsextremismus die größte Herausforderung, darauf liegt unser Fokus – bei der Arbeit und in der Positionierung. Wir erkennen aber ausdrücklich an, dass es andere Herausforderungen wie zum Beispiel den links-antiimperialistischen oder religiös motivierten Antisemitismus gibt, der insbesondere seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 zugenommen hat. Dazu kommen Organisationen wie die Grauen Wölfe, die ihren Extremismus auch außerhalb der Türkei bei uns verbreiten. Grundsätzlich sind es unterschiedliche Zielgruppen im Sport, die von den verschiedenen Phänomenen betroffen sind, deshalb braucht es eine Differenzierung und eine dezidiert individuelle Betrachtung. Gleichsetzung hilft hier nicht, ist vielmehr Taktik.

Inwieweit sind andere Formen von Extremismus im deutschen Sport denn ein Problem?

Es gibt deutschlandweit mehr als 150 Fußballvereine, die mit der türkischen Community verbunden sind. Ein kleiner Teil davon sind Anhänger der rechtsextremen Ideologie der Grauen Wölfe. Hinzu kommen Mitglieder in anderen Sportvereinen ohne dezidierten türkischen Hintergrund. Als Mehrheitsgesellschaft haben wir das oft gar nicht auf dem Schirm. Aber wir wollen und müssen dafür sensibilisieren und Aufklärung leisten. Bei der Fußball-EM der Männer 2024 gab es mehrfach Vorfälle mit dem Zeigen des Wolfsgrußes, den die Mitglieder der rechtsextremen Grauen Wölfe nutzen, auch durch Spieler auf dem Platz. Wir gehen davon aus, dass das auch bei der WM im Sommer in Nordamerika ein Thema sein wird. Es ist unsere Verantwortung, auch diese Problemfelder aufzuzeigen. Hier geht es nämlich nicht nur um das Zeigen von rechtsextremen Symbolen, sondern um eine gewalttätige Organisation, die hiermit ihre Vormacht in Sportvereinen verdeutlicht und Fußballvereine als Rekrutierungsorte für junge Menschen nutzt. Deshalb hatte die dsj im Januar 2025 das Projekt „kontakt. – ultranationalistische und rechtsextreme Bewegungen im Sportumfeld“ als Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gestartet. Darin wurden die Grauen Wölfe und in diesem Jahr auch die kroatischen Nachfolgeorganisationen der faschistischen Ustascha-Bewegung und ihre Auswirkungen auf den organisierten Sport in Deutschland untersucht. Leider fällt dieses Projekt zum Jahresende der Streichung von Fördermitteln zum Opfer, was wir sehr bedauern, weil die Arbeit sehr wichtig ist.

In welchem Ausmaß erleben Vereine oder Verbände politische Einflussnahme, Einschüchterungsversuche und sogar Übergriffe, und wie haben diese sich über die vergangenen Monate verändert?

Wir haben dazu leider kein systematisches und flächendeckendes Monitoring, das können wir aktuell noch nicht leisten. Aber wir haben aus dem Hearing im September viele Erkenntnisse dazu gewonnen, dass es einen klaren Anstieg dieser Fälle gibt, in Sportvereinen oder zum Beispiel über Kleine Anfragen oder parlamentarische Offensiven, über die Vereine sehr kritisch angegangen werden. Drohungen als Strategie zur Einschüchterung sind sehr verbreitet, wir haben dazu Materialien, um Betroffenen Hilfestellung leisten zu können, damit sie sich zur Wehr setzen können. Die AfD fährt eine Doppelstrategie, und zwar durch Anbiederung, indem sie mehr Mittel für den Sport verspricht, aber gleichzeitig durch Ablehnung und Diskreditierung, wenn der Sport Werte lebt.

IDAHOBITA* 2026: Gemeinsam stark gegen Queerfeindlichkeit

Sport sollte für alle Menschen ein sicherer und respektvoller Raum sein – unabhängig von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität. Dennoch erleben LSBTIQ*-Athlet*innen noch immer Vorurteile und Ausgrenzung, sei es auf dem Spielfeld, in der Umkleidekabine oder in ihrem Alltag. 

Deshalb rufen wir dazu auf, am 17. Mai auf den IDAHOBITA* aufmerksam zu machen und Solidarität sowie Sensibilität im Sport sichtbar zu zeigen. Hier sind einige Möglichkeiten, wie ihr euch beteiligen könnt: 

  • Aufklärung und Sensibilisierung: Fragt eure Freund*innen, Familie und Kolleg*innen, ob sie den IDAHOBITA* kennen, tauscht euch über das Thema aus und macht auf ihn aufmerksam.   
     
  • Offizielle Gedenkveranstaltung: 17:00 Uhr am Mahnmal "Frankfurter Engel" (Klaus-Mann-Platz) zum Gedenken an die Verfolgung von Homosexuellen.
  • Aktionstag/Markt der Vielfalt: Die Regenbogencrew der AHF und diverse Vereine gestalten einen Aktionstag, oft rund um die Hauptwache.
     
  • Mitmachen: Macht mit bei der Kampagne „Demokratie ist Teamsport“ des Queeren Netzwerks NRW und des Landessportbundes NRW. Unter dem Motto „At the heart of democracy“ setzt die Aktion ein Zeichen für demokratische Werte und Vielfalt im Sport. Mehr Infos findet ihr unter Mitmach-Kampagne zum IDAHOBITA 2026: Demokratie ist Teamsport! - Queeres Netzwerk NRW

Trikottag wieder ein großer Erfolg! Der DOSB sagt herzlich Danke

Crunches und Seilspringen waren nicht so gut gelaufen, deshalb hatte Helen schon bei ihrer Community um Entschuldigung dafür gebeten, „dass ihr mir hier beim Versagen zuschauen müsst!“ Doch dann standen Liegestütze auf dem Programm, und von Versagen war keine Spur mehr. 16 sauber ausgeführte Wiederholungen hätte sie benötigt, um in ihrer Altersklasse die Anforderung für das Sportabzeichen in Gold zu erfüllen, 20 brachte sie im Innenhof der DOSB-Zentrale in Frankfurt am Main auf die Matte, ohne dabei auch nur aus der Puste zu geraten. Dafür gab es Applaus von Imke Hoppe und Matthias Hübner, die als „Prüfer“ die Übungen überwachten. Und für Helen, die Sport studiert, lange Basketball gespielt und jetzt Bouldern für sich entdeckt hat, die Erkenntnis, dass ihr allgemeiner Fitnesszustand durchaus zu Höherem bestimmt ist.

„Ich habe coole Einblicke bekommen und gespürt, wie groß der Sportsgeist hier ist“, sagte die Kölnerin, die am Mittwoch als besonderer Gast den Trikottag im DOSB miterlebte. Als „Almostfeline“ ist die Content Creatorin, die ihr Alter und ihren Nachnamen zum Schutz der Privatsphäre geheim hält, auf diversen Social-Media-Plattformen aktiv. Am Trikottag war sie, bekleidet mit dem „Köln 99ers“-Trikot der Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin Lisa Bergenthal, fast fünf Stunden auf Twitch live, um einmal umfassend darzustellen, was der Dachverband des organisierten Sports so alles macht.

DOSB-Mitarbeitende meistern Trikottag-Challenge erfolgreich

Neben Imke Hoppe, Referentin Breiten- und Gesundheitssport, und Matthias Hübner, Leiter Digitalisierung, sprach sie zum Beispiel mit Leon Ries, Vorstand Jugend, über das Thema E-Sports und mit Niklas Pinsker aus dem Ressort Olympiabewerbung über die Pläne des DOSB, Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 in Deutschland auszurichten. Begleitet wurde sie über den Tag von Steffen Jackobs, Referent Verbandskommunikation, der nicht nur kenntnisreich die Führung durch das Haus des Sports übernahm, sondern zum Abschluss des Trikottags auch die DOSB-Laufgruppe neu belebte, die künftig wieder an jedem Mittwoch nach Feierabend im Frankfurter Stadtwald unterwegs sein soll.

Um zu überprüfen, ob im DOSB auch vielfältig aktiv Sport getrieben wird, hatte Helen eine Trikottag-Challenge vorbereitet mit 18 verschiedenen Aufgaben, die ihre Gesprächspartner*innen gemeinsam mit ihr ausführen sollten. Das gefiel auch Otto Fricke. Der Vorstandsvorsitzende des DOSB, der zum Start und zum Abschluss des Streams zu Wort kam, entschied sich für „30 Sekunden auf einem Bein stehen“ – und schaffte dies nach einem Wackler zum Einstieg souverän. Für den 60-Jährigen, der stilecht das Trikot des Crefelder HTC über Hemd und Krawatte trug, war es der erste Trikottag im DOSB. „Mein Trikot trage ich bei der Arbeit zwar über Hemd und Krawatte, aber trotzdem mit voller Überzeugung“, sagte er, „dieser Tag macht deutlich, dass Sportvereine ein zentraler Bestandteil im Leben von Millionen von Menschen sind. Sportvereine stärken unseren Zusammenhalt, sie fördern Gesundheit und Wertevermittlung. Ich bin froh, dass der DOSB diesen Tag ausgerufen hat und wünsche mir weit über den Trikottag hinaus mehr Wertschätzung für das, was die 86.000 Sportvereine jeden Tag für uns alle leisten.“

Kooperationen im Sport: Gemeinsam mehr erreichen

Dem organisierten Sport werden viele Aufgaben zugeschrieben: die Unterstützung des Ehrenamts, die Stärkung von Teilhabe und Inklusion, Förderung der Gesundheit sowie die Entwicklung des Leistungssports bei gleichzeitiger Sicherung von Fairness und Integrität. Um diese Aufgaben bestmöglich zu erfüllen und seiner Verantwortung als Dachverband des deutschen Sports gerecht zu werden, kooperiert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit vielen gesellschaftlichen und politischen Akteuren. Im Folgenden beleuchten wir diese Partnerschaften.

Der organisierte Sport selbst

Der DOSB pflegt einen engen Austausch mit seinen 103 Mitgliedsorganisationen sowie zu Organisationen und Stakeholdern der Olympischen Bewegung wie dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) oder den olympischen Dachverbänden auf globaler (ANOC) und europäischer Ebene (EOC), inklusive des EOC EU Büros in Brüssel.

Im Folgenden betrachten wir Kooperationen, die sowohl in ihrer Wirkung als auch hinsichtlich der beteiligten Organisationen in weite Bereiche gesellschaftlicher und politischer Handlungsfelder hineinreichen. Sowohl national als auch international verfolgt der DOSB das Ziel, gesellschaftliche Werte wie Integration, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Demokratie zu fördern sowie internationale Verständigung und die gesellschaftliche Bedeutung des Sports zu stärken.

Deutschlandweite Wirkung

Um diese Ziele zu erreichen und die Bedeutung des Sports in Politik und Gesellschaft zu festigen, geht der DOSB gezielt deutschlandweite Partnerschaften ein.

Das Bündnis für Gemeinnützigkeit (BfG) beispielsweise vereint zehn große zivilgesellschaftliche Institutionen wie den Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V. und den Deutschen Kulturrat. Gemeinsam geben sie dem Ehrenamt eine Stimme gegenüber der Politik. Die Ziele des BfG sind verbesserte Rahmenbedingungen für Ehrenamtliche und die Anerkennung bürgerschaftlichen Engagements.

Das Bündnis „Zusammen für Demokratie“ setzt noch stärker an der Praxis an. Die 76 zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützen Engagement mittels unbürokratischer Hilfe sowie konkreter Maßnahmenpakete. Die Kampagne #DuEntscheidest zur Bundestagswahl 2025 rief mit Banner- und Social-Media-Aktionen zum Eintreten für demokratische Werte, Menschenrechte, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf und motivierte Menschen zur aktiven Beteiligung an einer offenen, gerechten und solidarischen Gesellschaft. Der DOSB kooperiert seit gut zwei Jahren mit dem Bündnis, das Gewerkschaften, Bildungsakteure, Zivilgesellschaften, religiöse Körperschaften und den Sport vereint.

Badmintonabteilung des VfL Bochum setzt starkes Zeichen für Krebsprävention

Der VfL Bochum 1848 – Badminton e.V. freute sich über besonderen Besuch und eine außergewöhnliche Trainingseinheit: Team D-Athletin Miranda Wilson, aktuell eine der besten Badmintonspielerinnen Deutschlands, absolvierte gemeinsam mit 18 Vereinsmitgliedern aus dem Jugend- und Seniorenbereich ein exklusives Training im Rahmen der Vereinschallenge „Jede Minute zählt“. 

Nach einem gemeinsamen Warm-up sorgten anspruchsvolle Übungen auf der Koordinationsleiter, kombinierte Schritt- und Schlagabfolgen auf dem Halbfeld und einem abschließenden „Kaiserturnier“ für sportliche Herausforderungen und gleichzeitig viel Begeisterung bei den Teilnehmenden. Mit großer Energie und hoher Motivation brachte Miranda die Gruppe ordentlich ins Schwitzen und machte den Aktionstag zu einem besonderen Erlebnis für den gesamten Verein. Im Anschluss an das Training durften sich zudem die Kinder der U13 über verloste Profi-Trikots freuen.

„In Deutschland ist der Druck größer als überall sonst in der Welt“

Auf dem Derbygelände im Hamburger Stadtteil Klein Flottbek ist André Thieme nicht nur gern gesehen, sondern allseits bekannt. Viermal konnte der 51 Jahre alte Berufsreiter aus Plau am See das Deutsche Springderby, das seit 1920 ausgetragen wird, gewinnen: 2007, 2008 und 2011 jeweils mit Nacorde, im vergangenen Jahr erstmals mit Paule S, mit dem er den anspruchsvollen Parcours auch an diesem Sonntag (17. Mai, 13.50 Uhr) in Angriff nehmen wird. Warum er das Derby so sehr schätzt, worauf er in dieser Saison noch setzt und welchen Stellenwert Olympische Spiele für ihn haben, erklärt der Einzel-Europameister von 2021 im DOSB-Interview.

DOSB: André, es gibt seit Jahren nur wenige Spitzenreiter, die neben dem Fünfsterne-Hauptspringen am Samstag auch im Derby starten. Warum ist das so, und warum ist es für dich keine Option, auf das Derby zu verzichten?

André Thieme: Für mich ist dieses Springen in Deutschland eine absolute Kultveranstaltung, die auf einer Stufe mit dem CHIO in Aachen steht. Früher war der Status des Derbys noch deutlich höher, Aachen und Hamburg waren die Klassiker, die jeder Reiter gewinnen wollte, weltberühmte Events wie Wimbledon im Tennis. Der Hype ist etwas zurückgegangen, weil viele heute den modernen Pferden solche altmodischen und extravaganten Sprünge wie den Großen Wall oder Pulvermanns Grab nicht mehr zumuten wollen. Der Derby-Parcours hat sich seit mehr als 100 Jahren nicht verändert, und weil es einen solchen Parcours nicht noch einmal gibt, scheuen viele Topreiter davor zurück, ein Pferd nur für ein einmal im Jahr stattfindendes Event auszubilden. Es gibt zwar auch in Hickstead, La Baule und Falsterbo Derbys, aber die sind längst nicht so prestigeträchtig wie Hamburg. Für mich jedoch liegt genau in dieser Einzigartigkeit aber der Reiz.

Wie beschreibst du diesen Reiz? Was unterscheidet das Derby von den vielen Fünfsterne-Springen, die es jede Woche gibt?

Es ist eigentlich ein komplett eigener Sport. In den Fünfsterne-Springen geht es heute vorrangig um die Zeit, sie sind viel technischer, aber auch eintöniger, weil die Hindernisse fast ausschließlich aus Stangen bestehen. Man braucht dafür intelligentere, pfiffigere Pferde, die sehr speziell trainiert werden und es nicht gewohnt sind, mit einem Hindernis wie dem Großen Wall konfrontiert zu werden, an dem man zunächst fünf Meter Höhenunterschied überwinden und dahinter direkt ein Hindernis überspringen muss. Im Springreitsport muss man heute sehr sensibel im Umgang mit den Pferden sein, weil jedes noch so kleine Fehlverhalten auf Video festgehalten und angeprangert werden kann. Da sind sofort 100 Leute da, die den Sport in den Dreck ziehen wollen. Im Derby jedoch geht es manchmal etwas rauer zu, da kann es passieren, dass der Zügel mal etwas fester gestrafft wird. Wenn das Pferd darauf trainiert ist, ist das unproblematisch. Aber viele Topreiter, die jedes Wochenende auf einem anderen Fünfsterne-Turnier starten, haben dazu nicht die Zeit, deshalb starten nur noch wenige beim Derby. Dazu kommt, dass das Preisgeld auf der Fünfsterne-Tour deutlich höher ist, was ich sehr schade finde. Die Einzigartigkeit des Derbys würde ein höheres Preisgeld absolut rechtfertigen.

Inwiefern hat das Derby zu deiner Bekanntheit beigetragen?

Für mich hat die Faszination des Derbys gar nichts eingebüßt. In Hamburg kommen die Menschen nicht wegen des Großen Preises am Samstag, die kommen, um traditionell am Sonntag das Derby zu sehen. Und für mich hat das Derby die Möglichkeit geboten, in die Geschichtsbücher unseres Sports zu kommen. Hier viermal gewonnen zu haben, das ist etwas ganz Besonderes für mich. Die Aussicht, eine Legende wie Fritz Thiedemann einholen zu können, der fünf Siege geschafft hat, ist ein wahnsinniger Ansporn.

Rekordsieger ist Nelson Pessoa aus Brasilien, der zwischen 1962 und 1994 sieben Siege schaffte. Wie ist das möglich, was braucht es dafür?

Vor allem ein überragendes Derbypferd. Ein solches immer wieder neu aufzubauen, ist ein riesiger Aufwand, den ich aber gern auf mich nehme. Es kostet sehr viel Zeit, das Pferd für das Derby zu trainieren und auf die Besonderheiten vorzubereiten. Und dann braucht man auch das Glück, ein Pferd zu finden, das nicht nur beim Derby, sondern auch bei anderen großen Springen erfolgreich sein kann. Mit Nacorde hatte ich dieses Glück, mit ihm habe ich Große Preise gewonnen und Nationenpreise bestritten, aber er war kein Superstar bei Fünfsterne-Springen. Mit Contadur, der auf höchstem Niveau siegfähig war, konnte ich das Derby dagegen nie gewinnen.

Mit Chakaria, mit der du 2021 Einzel-Europameister geworden bist, hast du es nie versucht. Warum nicht?

Sie würde im Derby nicht funktionieren. Sie ist ein internationaler Superstar, hat jede Woche die Chance auf große Fünfsterne-Springen, da muss man das Derby nicht riskieren. Ich gehe mit ihr am Samstag im Großen Preis an den Start.

Trikottag-Umfrage zeigt breite Unterstützung für Sportvereine

Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) anlässlich des bundesweiten Trikottags am 13. Mai in Auftrag gegeben hat und für die durch die Marktforschungs-Agentur One8Y mehr als 2.000 Menschen befragt wurden. 

Demnach geben 71 % der Befragten an, dass die Politik mehr in Sportvereine investieren sollte. Für den Großteil der Bevölkerung stellen die 86.000 Sportvereine im Land einen unverzichtbaren Teil des Zusammenlebens dar. So geben jeweils mehr als 80 % der Befragten an, dass Sportvereine insgesamt wichtig für unsere Gesellschaft seien und einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisteten.

„Es geht im Verein um Sport, aber es geht doch auch um vieles mehr!“

Sportvereine sind zentrale Orte für Zusammenhalt, Gesundheit und Engagement. Der Bundespräsident würdigt die rund 86.000 Vereine und 29 Millionen Mitgliedschaften als „riesigen Schatz“ für das Land. Ehrenamtliche tragen maßgeblich dazu bei, dass Begegnung, Bewegung und Gemeinschaft täglich gelebt werden. Zugleich wird deutlich: Um diese Leistungen sichtbar zu machen und die Zukunft des Vereinssports zu sichern, braucht es mehr Anerkennung und bessere Rahmenbedingungen.

„Kein Job der Welt gibt dir das, was der Sport geben kann“

Manchmal nervt es schon, da ist Grit Jurack ehrlich. „Das Training mit den Kindern ist die schöne Seite. Anstrengend wird es, wenn wir die Eltern davon überzeugen müssen, wieviel Arbeit das ist, und dass wir auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Oft müssen wir die Eltern dahingehend erziehen, dass Werte wie Disziplin und das Einhalten von Verpflichtungen unerlässlich sind, wenn man einen Teamsport betreibt“, sagt die 48-Jährige, die beim TSV Glücksburg 09 als ehrenamtliche Handballtrainerin mehrere Jugendteams anleitet. Ihr Rezept, um ausreichend Unterstützung zu erhalten, klingt einfach, kann aber in der Umsetzung oft quälend lang dauern: „Ich höre einfach nicht auf zu fragen, bis ich jemanden finde, der es macht“, sagt sie.

Mit 306 Länderspielen ist die gebürtige Leipzigerin, die ihre Karriere 2012 wegen eines schweren Knorpelschadens in der Schulter beenden musste, bis heute Rekordnationalspielerin des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Ein Status, auf den sie sich nichts einbildet. „Kinder denken doch nicht darüber nach, wer ich bin oder was ich mal erreicht habe. Die interessiert, was wir als Nächstes im Training üben“, sagt sie. Beim TSV trainiert sie den Sohn des Bundesligacoaches Nicolej Krickau, der aktuell die Füchse Berlin betreut. „Nicolej hat meinem Team mal erzählt, dass ich früher selbst ganz anständig Handball gespielt habe, da waren alle völlig überrascht“, erzählt sie und wirkt dabei ein wenig peinlich berührt, so als hätte jemand ein Geheimnis ausgeplaudert, das sie unbedingt im Verborgenen belassen wollte.

Einstieg in den Trainerjob über Betreuung der eigenen Kinder

Dabei ist die 1,86 Meter große Linkshänderin, die zu ihrer aktiven Zeit im rechten Rückraum zu Hause war, ein perfektes Beispiel dafür, wie ehemalige Spitzenathletinnen und -athleten nach der Karriere ihre Erfahrungen und auch ihre Begeisterung an die nachfolgenden Generationen weitergeben können. „Ich wünschte, dass es viel mehr solcher Beispiele gäbe. Natürlich hat nicht jeder nach der Karriere die Zeit, ein Ehrenamt im Sport zu übernehmen. Aber ich kann es wirklich nur allen empfehlen. Auch wenn es oftmals anstrengend ist und viel Zeit in Anspruch nimmt, macht es wahnsinnig viel Spaß, mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten“, sagt sie.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Michael Döring, der Athletiktrainer beim Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt ist, betreut Grit Jurack eine männliche C-Jugend, die sie nach dieser Saison allerdings abgibt und stattdessen mit einer F-Jugend neu startet. Ihr Einstieg in den Job als Trainerin war, wie so häufig, die Betreuung der eigenen Kinder. „Als unser älterer Sohn, der jetzt 16 Jahre alt ist und Fußball spielt, sechs Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal Training für die Kleinen angeboten“, erinnert sie sich. Wenn sie sich mit ihren Teams darüber unterhält, welche Erlebnisse die Erinnerungen an die Jugendzeit im Sport prägen, dann sind es keine Meisterschaften oder Siege, sondern die privaten Beziehungen, die dadurch entstehen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. „Das zeigt mir immer wieder, wie wichtig es ist, dass wir diese Gemeinschaft erhalten.“

Auftakt zur Sportmilliarde: So werden die Gelder verteilt

Am 22. April hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages die geförderten Projekte des ersten Teils des Bundesprogramms „Sanierung kommunaler Sportstätten“ (SKS I) bekanntgegeben. 314 Sportstätten, Schwimmbäder und Vereinsheime in zahlreichen Kommunen Deutschlands dürfen sich über eine Förderung des Bundes freuen, mit der die Sanierung oder Modernisierung ihrer Projekte mit bis zu 45 Prozent der Gesamtkosten bezuschusst werden.

Der DOSB hat die Liste der geförderten Projekte analysiert. Hier erfahrt ihr, was genau gefördert wurde, wie hoch die durchschnittliche Fördersumme ist und welches Bundesland besonders oft berücksichtigt wurde.

„Sport ist quasi ein Allheilmittel”

DOSB: Herr Professor Reuter, wie geläufig ist Ihnen das Format Trikottag? 

Ulrich Reuter: Ich habe schon vom Trikottag gehört, aber intensiv damit beschäftigt habe ich mich bisher nicht. 

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband ist im Sport sehr involviert, nicht zuletzt auch in der Wirtschaftsinitiative für die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele. Warum ist dieses Engagement für den Sport Ihrem Unternehmen so wichtig? 

Sport ist Emotion, Sport ist Leidenschaft, Sport ist identitätsstiftend. Sport hat eine Kraft, die eine einzigartige Wirkung auf Menschen ausübt. Insofern ist Sport ein starker gesellschaftlicher Kitt. Er bringt ganz unterschiedliche Menschen zusammen und vereint sie. Zentrale Werte des Sports sind Fairness, Toleranz und Respekt. Nicht nur geopolitisch betrachtet sind diese Werte heute wichtiger denn je. Auch für die Sparkassen, die ja dem Gemeinwohl verpflichtet sind, haben sie einen sehr hohen Stellenwert. Denn Sparkassen sind für alle Kundengruppen ein verlässlicher Partner. Sie sind dort, wo sie gebraucht werden, bei ihren Kundinnen und Kunden vor Ort. 

Warum bringen Sie sich gleichermaßen im Leistungs- wie auch im Breitensport ein? 

Ganz einfach, weil der Breitensport die Menschen ebenso verbindet wie der Leistungssport. Athletinnen und Athleten beispielsweise vom Team Deutschland sind starke Vorbilder. Sie stehen für die genannten Prinzipien und vermitteln gesellschaftliche Werte. Wer sich einmal intensiv mit einer paralympischen Athletin ausgetauscht hat, weiß, was es heißt, Herausforderungen anzunehmen und in positive Energie zu wandeln. Und im Breitensport kommen Menschen vor Ort mit unterschiedlichen Begabungen und ganz unterschiedlichen Alters zusammen und verfolgen ihre Ziele. Gestützt durchs Ehrenamt im Verein. Beides ist für unsere Gesellschaft wichtig. 

Sport und Wirtschaft haben einiges gemeinsam, können aber auch einiges voneinander lernen. Worin sehen Sie diese gegenseitigen Lerneffekte? 

Wir reden heutzutage viel über Work-Life-Balance und wie wir uns individuell am besten entfalten können. Der Leistungssport zeigt aber noch mal ganz andere Möglichkeiten auf. Nämlich, wie es auch Spaß machen kann, sich durchzubeißen, um gemeinsam als Team großartiges zu erreichen. Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit einzelnen Athletinnen und Athleten. Trainerinnen und Trainer müssen oftmals mit sehr unterschiedlichen Sportlertypen arbeiten und jeweils eine individuelle Ansprache finden, um diese zu Höchstleistungen zu motivieren. Diese Erfahrungen und Kenntnisse können auch für Führungskräfte in der Wirtschaft sinnvoll sein. Leistungsbereitschaft, Motivation und die richtige Ansprache sind auch in Wirtschaftsunternehmen wichtig. Auch hier geht es um gemeinschaftlichen Erfolg; um Ziele, die erreicht werden müssen. Daneben sind Wirtschaftsunternehmen wichtige Unterstützer des Sports. Sportstätten, Ausrüstung, Organisation: Alles muss auch im Sport immer wieder angepasst oder erneuert werden. Schon deswegen ist der gegenseitige Austausch wichtig. 

Worin sehen Sie die wichtigsten Aspekte, die Sport zum Funktionieren unserer Gesellschaft beitragen kann? 

Es ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl, unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Status. Zudem leistet der Sport auch Gesundheitsarbeit, sowohl im Sinne von Prävention und Fitness als auch in der Rehabilitation, körperlich wie psychisch. Er ist also quasi ein Allheilmittel.

„Wartet nicht, bis ihr glaubt, alles perfekt zu können“

Am 20. Mai feiert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sein 20-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass blicken wir seit Jahresbeginn in einer wöchentlichen Serie auf Themen aus dem DOSB-Kosmos, die seit der Fusion von Nationalem Olympischem Komitee und Deutschem Sportbund zum gemeinsamen Dachverband des deutschen Sports von besonderer Bedeutung waren. Eines davon ist der Bereich „Frauen in Führungspositionen im Sport“. Veronika Rücker, heute als Sportdirektorin des Deutschen Tennis-Bundes aktiv, war zwischen Januar 2018 und November 2021 die bislang einzige weibliche Vorstandsvorsitzende des DOSB. Im Präsidium, das laut Satzung zu mindestens 30 Prozent weiblich besetzt sein muss, herrscht Geschlechterparität. Im aktuellen, fünf Personen umfassenden Vorstand ist Michaela Röhrbein, zuständig für den Geschäftsbereich Sportentwicklung, die einzige Frau.

Die 51-Jährige, die seit April 2022 DOSB-Vorständin Sportentwicklung ist, spricht im Interview für diese Serie mit Laura Ludwig über Erfahrungen aus der Führungsarbeit, stereotype Verhaltensweisen, den weiblichen Einfluss auf gemischte Führungsgruppen und Ansätze dafür, noch mehr Frauen für Spitzenpositionen im Sport zu begeistern. Ludwig, 2016 in Rio de Janeiro gemeinsam mit Kira Walkenhorst Olympiasiegerin im Beachvolleyball, ist seit einem Jahr Vizepräsidentin im Multisportverein HSV e.V. in ihrer Heimat Hamburg. Die 40-Jährige ist außerdem Mutter zweier Söhne – und bringt dadurch eine weitere spannende Perspektive ein.

DOSB: Laura, du warst bereits als Sportlerin viel für dich selbst verantwortlich. Was hast du aus deiner aktiven Karriere für das Berufsleben danach mitnehmen können?

Laura Ludwig: Ich glaube, der wichtigste Lerneffekt war, dass ich es gewohnt bin, ins kalte Wasser zu springen und neue Herausforderungen schnell anzunehmen. Besonders der Wechsel vom Hallenvolleyball, wo einem im Team vieles abgenommen wird, in den Beachvolleyball, wo man für sehr vieles selbst verantwortlich ist, hat mir geholfen zu akzeptieren, dass es keine Schwäche ist, wenn man einiges nicht sofort kann. Nicht in Panik zu verfallen, sondern zu verstehen, dass ein neu eingeschlagener Weg Zeit braucht, um zum Ziel zu führen, war ein wichtiger Schritt für mein gesamtes Leben. Diese Eigenverantwortung zu übernehmen und zu tragen, ist etwas, das mir nun in meiner Rolle beim HSV e.V. sehr weiterhilft.

Du hast deine aktive Karriere sehr intensiv ausgekostet, bist erst 2024 mit 38 Jahren zurückgetreten. Wann hast du dir erstmals Gedanken darüber gemacht, was nach dem Beachvolleyball kommen soll?

Laura: So richtig intensiv eigentlich erst nach dem Karriereende. Ich wusste zwar schon sehr früh, dass ich im Sport bleiben und viel mit Menschen arbeiten wollte. Aber wegen meiner zwei Söhne und der sportlichen Verpflichtungen fehlte es mir schlicht an Kapazitäten, mich darum zu kümmern, was danach kommen sollte. Ich habe ein Studium des Medien- und Kommunikationsmanagements angefangen, mich auch auf dem Gebiet der Ernährungswissenschaft weiterzubilden versucht, aber es nicht geschafft, etwas abzuschließen. Als es dann vorbei war mit dem aktiven Sport, wusste ich zwar, dass ich eine tolle Familie habe, auf die ich mich verlassen kann. Aber in der großen, weiten Welt anzukommen, das hat mich in den ersten Monaten erschlagen und emotional ziemlich mitgenommen.

Michaela, was hat dich dazu bewogen, eine Führungsposition im organisierten Sport zu übernehmen?

Michaela: Es war nicht so, dass ich einen fertigen Karriereplan im Sport hatte. Ich bin damals angesprochen worden und dann nach und nach in diesen Bereich hineingewachsen. In meiner ersten Führungsaufgabe am Zentrum für Hochschulsport an der Universität Hannover war ich die Jüngste. Mein damaliger Chef lag im Sterben, es war eine durchaus dramatische Situation. Er hat mir damals dazu geraten, mich auf seine Position zu bewerben. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde, habe Pro und Contra abgewogen, die Chance dann aber bewusst ergriffen, weil ich gespürt habe, dass ich Spaß daran hatte, Dinge mitgestalten zu können. Ich habe mich auch ehrenamtlich engagiert, und ich merkte, auch durch die Unterstützung meines damaligen Chefs, dass als Frau im Sport viel möglich ist – wenn Leistung, Unterstützung und passende Strukturen zusammenkommen. Es ging mir darum, Gestaltungskraft zu entfalten und gute Ideen gemeinsam mit einem Team wirksam umzusetzen. Genau das treibt mich bis heute an. Und so bin ich nach und nach in dieses Berufsfeld hineingewachsen.

Laura: Ich bin tatsächlich auch angesprochen worden, ob ich mir vorstellen könnte, die Position der Vizepräsidentin zu übernehmen. Ehrlich gesagt habe ich es anfangs nicht für möglich gehalten, dass ich eine solche Rolle ausfüllen könnte, ohne Erfahrung oder entsprechende Vorbildung. Ich kam aus einem Sport mit einem relativ klar umrissenen Vierjahreszyklus, in dem ich mich sicher fühlte. Deshalb habe ich mich gefragt: Wo soll ich denn bitte beim HSV anfangen? Aber in den Gesprächen mit dem Verein und meinem Team habe ich gespürt, dass es darum gehen sollte, Veränderung mitzugestalten und strategischen Weitblick einzubringen.

Warum war es eine Position im Präsidium eines großen Mehrspartenvereins, die dich besonders gereizt hat?

Laura: Weil mir nach den Gesprächen schnell klar war, dass meine Ideen und Erfahrungen für den Verein von Nutzen sein können. Das gesamte Team hat es mir sehr leicht gemacht, mich einzufinden. Ich gebe gern zu, dass ich anfangs total überfordert war von der Größe des Vereins und der Fülle der Aufgaben. Alles war Neuland für mich, auch die Geschwindigkeit, in der Entscheidungen notwendig sind, war gewöhnungsbedürftig. Aber mittlerweile fühle ich mich extrem wohl und habe das deutliche Gefühl, dass wir als Team sehr gut harmonieren und viel voneinander lernen. Jede Perspektive ist wichtig, alle werden ernst genommen und wertgeschätzt. Das gefällt mir!

Welche Schwierigkeiten hattet ihr beide für euren Einstieg als Frau in eine Führungsposition im Sport erwartet, und welche davon sind tatsächlich eingetreten?

Laura: Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob ich allen Herausforderungen gewachsen wäre, die auf mich warteten. Aber die großartige Zusammenarbeit im Team hat mir alle Sorgen schnell genommen. Ich habe gespürt: Es ist vollkommen okay und darf so sein, dass es Zeit braucht, in seine neuen Aufgaben hineinzuwachsen. Dazu bedarf es sicherlich einer Unternehmenskultur, die das toleriert, und die ist beim HSV zum Glück gegeben.

Michaela: Bei mir war der wichtigste Faktor, dass sich schnell herausgestellt hat, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen. Zu erleben, dass man nicht überall zu 100 Prozent im Thema sein kann, dass man nicht überall Fachfrau sein muss, hat mir beim Ankommen sehr geholfen. Führung heißt ja nicht, alles selbst zu wissen. Führung heißt, gute Fragen zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und die richtigen Menschen zusammenzubringen. Mein damaliger Chef und ich waren total unterschiedlich. Er war extrem strukturiert und diszipliniert, ich hatte großen Respekt vor dieser Aufgabe. Er aber hat mich bestärkt, indem er mir versichert hat, dass meine Stärken mich tragen würden.

Das Ziel für die Heim-EM: Taekwondo in Deutschland ins beste Licht rücken

Ob es die erfolgreichste Europameisterschaft der bisherigen Taekwondo-Geschichte werden wird, bleibt abzuwarten. Dass es die bislang größten kontinentalen Titelkämpfe in der aus Korea stammenden Kampfsportart werden, steht indes bereits fest. Teilnehmende aus 47 Nationen haben ihre Zusage gegeben, vom 11. bis 14. Mai im Münchner BMW-Park auf die Matte zu gehen. „Unser Sport wächst immer weiter, das ist sehr positiv. Und natürlich ist es für uns als Deutsche Taekwondo Union eine große Ehre, wieder ein solches Turnier in der Heimat ausrichten zu dürfen. Das wollen wir nutzen, um uns auf dieser Bühne zu präsentieren“, sagt Aziz Acharki. Die bislang letzte Heim-EM gab es vor 20 Jahren in Bonn, in München wurde zuletzt 1978 um Europas Krone gekämpft. 2003 war Garmisch-Partenkirchen letzter deutscher Ausrichter einer WM.

Aziz Acharki ist im deutschen Taekwondo eine Legende. Der Deutsch-Marokkaner, der in Bonn aufwuchs, holte sowohl als Sportler (1995) als auch als Trainer (2013) WM-Titel und vertrat die DTU ebenfalls in beiden Funktionen bei Olympischen Spielen; 2000 bei der Olympiapremiere seines Sports in Sydney (Australien), 2016 in Rio de Janeiro als Bundestrainer. Anschließend wechselte der 54-Jährige nach Dänemark, um dort die Taekwondo-Strukturen weiterzuentwickeln, ehe er im Oktober 2024 als Sportlicher Leiter Zweikampf zum deutschen Verband zurückkehrte. „Die DTU wollte ihre Strukturen erneuern und sich modern aufstellen, diese Herausforderung hat mich sehr gereizt“, sagt er.

Nachdem sich für die Olympischen Spiele 2024 in Paris lediglich Schwergewichtlerin Lorena Brandl (28) vom Verein Tiger and Dragon Altmannstein/Mindelstetten qualifizieren konnte, die letztlich im Kampf um Bronze der Koreanerin Lee Dabin unterlag, sah sich die DTU gezwungen, neue Wege zu gehen. „Wir haben neue Qualifikationskriterien aufgestellt und im Trainerbereich einige Änderungen vollzogen“, sagt Aziz Acharki, „besonders im Nachwuchs müssen wir die Förderung verbessern und individualisieren, um es unseren Athletinnen und Athleten leichter zu machen, sich voll auf ihren Sport konzentrieren zu können. Wir haben starken Nachwuchs, von dem wir einiges erwarten, aber es braucht auch Zeit und die dafür notwendige Geduld.“

Franziska Koch ist „Sportlerin des Monats“ April

Mit ihrem Triumph beim Radsport-Klassiker Paris-Roubaix hat Franziska Koch ein Stück Sportgeschichte geschrieben: In einem packenden Herzschlagfinale setzte sie sich gegen die internationale Konkurrenz durch und kürte sich als erste deutsche Frau zur Siegerin des Rennens. Für diese herausragende Leistung wählten die Sporthilfe-geförderten Athletinnen und Athleten die Radsportlerin mit 53,3 Prozent zur „Sportlerin des Monats“ April.

Hinter Franziska Koch sichert sich bei der Sporthilfe-Wahl zur Sportlerin bzw. Sportler des Monats Gewichtheberin Lisa Marie Schweizer (35,3%) Rang zwei. Die 28-Jährige überzeugte bei den Europameisterschaften in Georgien mit starken Leistungen: Mit persönlicher Bestleistung im Reißen sicherte sie sich den Titel und gewann zudem im Zweikampf die Bronzemedaille. Den dritten Platz bei der Wahl belegen die Trampolinturner Fabian Vogel und Matthias Schuldt (11,4%). Die beiden deutschen Synchron-Spezialisten feierten bei den Europameisterschaften im portugiesischen Portimão einen gelungenen Einstand als Duo und gewannen auf Anhieb die Silbermedaille.

Anders als bei Medien- oder Publikumswahlen entscheiden bei der Wahl zur Sportlerin bzw. zum Sportler des Monats ausschließlich Deutschlands beste Nachwuchs- und Spitzenathletinnen und -athleten. Dadurch erhält die Auszeichnung ihre besondere sportliche Wertigkeit. Zu Beginn eines jeden Monats stellt die Sporthilfe den rund 4.000 geförderten Athletinnen und Athleten Kandidatinnen oder Kandidaten zur Wahl, die sich im Vormonat durch herausragende Leistungen empfohlen haben. Die Stimmabgabe erfolgt per Online-Voting. 

Für ihre herausragenden Leistungen waren die Athletinnen und Athleten von der Athletenkommission im DOSB, von SPORT1 und von der Sporthilfe für die Wahl nominiert worden.

Deutsche Sporthilfe

Zwischen Konsole und Nationaltrikot: Wie der DFB den E-Sport vorantreibt

E-Sport ist längst mehr als nur ein Trend. Millionen Menschen in Deutschland spielen regelmäßig, verfolgen Turniere oder messen sich selbst online. Auch der Deutsche Fußball-Bund hat diese Entwicklung früh aufgegriffen und baut seit einigen Jahren gezielt Strukturen im digitalen Wettbewerb auf. Dabei geht es nicht nur um Titel und Turniere, sondern auch um die Frage, wie Gaming und Fußball zusammen gedacht werden können – von der Basis bis zur eNationalmannschaft.

Wie das konkret aussieht, wird im Gespräch mit zweien deutlich, die den DFB E-Sport aus nächster Nähe erleben: Leo Dietz (33), Teamlead eSports & Gaming, verantwortet die strategische Entwicklung des Bereichs und arbeitet daran, E-Sport und Gaming langfristig im Verband und den Vereinen zu verankern. David „Rezears“ Wünsch (22) steht selbst auf dem virtuellen Spielfeld. Als professioneller Rocket League Spieler vertritt er den DFB international und gehört zu den besten Spielern Deutschlands.

Im Interview sprechen beide darüber, wie der Alltag als Leistungssportler aussieht und welche Rolle der DFB in einem Umfeld spielt, das sich ständig weiterentwickelt. Und es geht auch um größere Zusammenhänge: die Bedeutung von Gaming für junge Zielgruppen, den Aufbau von Strukturen im E-Sport und die Frage, wohin sich das Ganze in den nächsten Jahren entwickeln könnte.

FAQ zur Gemeinnützigkeit des E-Sports

Durch die Anerkennung von E-Sport als gemeinnützigen Zweck können Vereine seit dem 1. Januar 2026 entsprechende steuerliche Vorteile nutzen und haben zudem bessere Chancen auf öffentliche Fördergelder. Ziel der Änderung ist es, klare rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, junge Menschen zu unterstützen und ehrenamtliches Engagement zu stärken.

Was ist E-Sport?

Unter E-Sport versteht man den organisierten Wettkampf mit Video- oder Computerspielen. Dieser findet auf einer digitalen Plattform, auf verschiedenen Geräten und unter festgelegten Regeln statt. Im Mittelpunkt steht dabei der Wettkampf mit anderen Spieler*innen. Dabei kommt es nicht nur auf Präzision und strategisches Denken an, sondern auch auf Teamfähigkeit und Disziplin.

Was bedeutet die Änderung für Vereine? Welche steuerlichen und organisatorischen Vorteile ergeben sich konkret durch die neue Regelung?

Durch die neue Regelung profitieren Vereine vor allem dadurch, dass sie Spendenbescheinigungen ausstellen, Übungsleiter- und Ehrenamtspauschalen auszahlen und so ihre Steuerlast reduzieren können. Außerdem ermöglicht die Anerkennung der Gemeinnützigkeit einen besseren Zugang zu Fördermitteln. Gleichzeitig entsteht Rechtssicherheit, da E-Sport-Angebote die Gemeinnützigkeit von Vereinen nicht mehr gefährden.

Welche Voraussetzungen müssen Vereine erfüllen, um E-Sport korrekt in ihre gemeinnützigen Zwecke zu integrieren?

Um ein E-Sport-Angebot im Verein anbieten zu können, muss zuerst sichergestellt werden, dass die Satzung den Zweck „Förderung des Sports“ beinhaltet und das zuständige Finanzamt E-Sport unter diesem Zweck einordnet. Sollte dies nicht der Fall sein, bedarf es einer Satzungsanpassung, zum Beispiel in die Zwecke „Förderung des Sports und des E-Sports“ oder „Förderung des Sports, einschließlich des E-Sports“.

Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Spieltitel, die im Verein als E-Sport angeboten werden, folgenden Kriterien entsprechen: Einhaltung des Jugendschutzes, USK‑Kennzeichnung sowie der Ausschluss von Glücksspiel und gewaltverherrlichenden Inhalten.

Sportartenprogramm für World Games 2029 in Karlsruhe steht fast komplett

Die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele fasziniert die Menschen in Deutschland, das zeigen bundesweite Umfragewerte genauso wie die Zustimmungszahlen, die die Bewerberregionen Kiel, KölnRheinRuhr und München bei ihren Bürgerbefragungen erzielen konnten. Auf den Genuss eines Multisportevents von Weltrang müssen die deutschen Sportfans allerdings nicht bis 2036, 2040 oder gar 2044 warten. Vom 19. bis 29. Juli 2029 werden in Karlsruhe rund 4000 Athlet*innen zu den World Games erwartet. Die Weltspiele der nicht-olympischen Sportarten, die ebenfalls im Vierjahresrhythmus ausgetragen werden, sind nach 1989 (ebenfalls Karlsruhe) und 2005 (Duisburg) zum dritten Mal in Deutschland zu Gast. Und was es dort zu erleben geben wird, das hat am vergangenen Samstag erste Konturen erhalten. Auf seiner Generalversammlung in Lausanne (Schweiz) beschloss der World-Games-Dachverband IWGA das Sportartenprogramm für die 13. Ausgabe seiner Weltspiele.

Große Überraschungen blieben dabei aus. Unter den 31 bislang festgelegten Sportarten, zu denen in der zweiten Jahreshälfte noch drei bis fünf Einladungssportarten kommen werden, die der Gastgeber vorschlagen darf, finden sich fast alle wieder, die auch im August vergangenen Jahres in Chengdu auf dem Programm standen. Dort hatte das Team D hinter Gastgeber China Rang zwei in der Medaillenwertung belegt. Lediglich Powerboating ist komplett gestrichen. Die aus Russland stammende Kampfsportart Sambo steht wegen aktenkundiger Dopingvergehen in China auf einer Longlist mit Sportarten, die noch in Erwägung gezogen werden, dazu zählen auch Baseball/Softball, Bowling und Racquetball. Wieder dabei ist die japanische Traditionssportart Sumo, die in China aus dem Programm gestrichen worden war. Auch Squash, Lacrosse und Flag Football, allesamt 2028 in Los Angeles auf dem olympischen Programm zu finden, sind weiterhin dabei. Die komplette Liste ist hier einsehbar.

„Die Diskussion um E-Sport und Sport hat sich mit unserer Generation erledigt“

E-Sport und Gaming haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte von einfachen Bildschirmspielen wie „Pong“ und „Space Invaders“ zu einem prägenden Bestandteil von Kultur, Wirtschaft und gesellschaftlichem Alltag entwickelt. Was mit frühen Erfahrungen an Konsolen und Heimcomputern begann, ist heute ein globales Phänomen mit Millionen von Spielerinnen und Spielern, eigenen Wettbewerbsstrukturen und wachsender politischer Aufmerksamkeit. Lange Zeit wurde dieser Bereich unterschätzt und kritisch begutachtet , geprägt von Vorurteilen, kulturellen Abgrenzungen und Debatten über Wirkung und Einfluss digitaler Spiele.

Inzwischen hat sich die Perspektive deutlich verschoben. Gaming gilt als bedeutender Kultursektor, E-Sport etabliert sich zunehmend im organisierten Wettbewerb und auch Institutionen aus Politik, Kultur und Sport setzen sich intensiver mit dem Thema auseinander. Vor diesem Hintergrund sprechen der DOSB-Vorstandsvorsitzende Otto Fricke und der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann über ihre persönlichen Zugänge zu E-Sport, die gesellschaftliche Entwicklung von Gaming sowie über Chancen, Konfliktlinien und zukünftige Aufgaben für Kultur, Sport und Politik.

Raphael Kandra kämpft für die Realisierung seines Kindheitstraums

Er hat die olympische Bühne noch nie bespielen dürfen. Aber die Kraft, die von den fünf Ringen ausgeht, die spürt Raphael Kandra an jedem Arbeitstag. Seit im Herbst 2023 seine Sportart Squash ins Programm der Sommerspiele 2028 in Los Angeles aufgenommen wurde, dreht sich in dem Mitte des 19. Jahrhunderts in England entstandenen Rückschlagsport auf Hochleistungsebene fast alles darum, die Qualifikation für die Olympiapremiere zu schaffen. „Es ist unübersehbar, wie krass der Fokus weltweit auf Los Angeles liegt“, sagt der 35-Jährige, der sich dem Reiz der ersten Teilnahme auch nicht entziehen kann. „Vor drei Jahren hatte ich das Ende meiner Karriere früher kommen sehen. Mit der Möglichkeit, doch noch Olympische Spiele als Athlet erleben zu können, hatte ich niemals gerechnet. Aber mit der Aussicht auf ein Ticket für Los Angeles gebe ich natürlich noch einmal alles, um das zu erleben“, sagt er.

Und das ist gut so, denn zum Aufhören ist der gebürtige Fürther noch viel zu gut. Auf Rang 39 ist Raphael, der 2019 als erster Deutscher den EM-Titel gewinnen konnte, der einzige Team-D-Athlet in den Top 100 der Weltrangliste. Bei der Team-EM, die von diesem Mittwoch bis Samstag in Amsterdam (Niederlande) ansteht, führt er die deutschen Männer an. Eine Woche darauf reist er als einziger deutscher Starter zur Einzel-WM nach Gizeh (Ägypten), für das 64er-Feld hat er einen der 48 direkten Startplätze dank seiner Weltranglistenposition sicher. Ihn als Aushängeschild des Deutschen Squash-Verbands (DSQV) zu bezeichnen, wäre fast schon untertrieben.

Und dennoch ist der Weg nach Kalifornien ein extrem steiniger. Für die Einzelwettkämpfe sind pro Geschlecht nur 16 Teilnehmende zugelassen, eine Doppelkonkurrenz gibt es nicht. „Uns bricht es das Herz, wenigstens 32 hätten wir uns schon gewünscht, damit möglichst viele Athletinnen und Athleten diese Premiere erleben könnten“, sagt er. Da pro Nation nur maximal zwei Starter*innen pro Geschlecht gestattet sind, stehen die Chancen zwar deutlich besser, als wenn aus führenden Ländern wie Ägypten unbegrenzt Teilnehmende erlaubt wären. Der komplizierte Qualifikationsmodus allerdings erschwert die Lage dahingehend, dass lediglich die Top acht der Weltrangliste zum Stand im Mai 2028 direkt qualifiziert sind. Dazu kommen eine Wildcard für Gastgeber USA, die Sieger von fünf kontinentalen Meisterschaften, die in Europa 2027 im Rahmen der European Games in Istanbul (Türkei) ausgespielt wird und für die maximal zwei Aktive pro Nation und Geschlecht zugelassen sind, sowie die Sieger eines letzten Qualifikationsturniers und jeweils eine Person aus einer „kleinen Nation“, sofern diese zum Bewertungszeitpunkt unter den besten 50 der Welt stehen.

Als 16-Jährigem war ihm klar, dass er in die Bundesliga wollte

„Mir ist schon klar, dass es für mich in der Weltrangliste noch ein paar Positionen nach oben gehen sollte, damit der DOSB mich auch nominiert. Ich weiß, dass auf meine Ergebnisse sehr geachtet wird“, sagt Raphael. Zusätzlichen Druck will er sich davon jedoch nicht machen lassen. „Ich glaube, dass es machbar ist, aber es muss alles zusammenpassen. Wenn es am Ende nicht reicht, muss ich das hinnehmen, solange ich alles gegeben habe. Aber meine Motivation ist riesig!“ Was auch darin begründet liegt, dass der 16-fache Weltranglisten-Turniersieger weiterhin extrem viel Freude an seinem Sport hat, der schon im Kleinkindalter zu seinem Leben gehörte. „Meine Eltern hatten in Forchheim eine Squashanlage gepachtet, ich war sehr oft mit ihnen dort und musste mich selbst beschäftigen. Nach ein paar Jahren habe ich gemerkt, dass ich auf einem guten Niveau spielte, und habe dann festgestellt, wie viel Spaß es macht, im Sport erfolgreich zu sein“, erinnert er sich.

Wer erfolgreich sein will, braucht Zielstrebigkeit. Raphael Kandra entschied sich als Jugendlicher gegen eine Laufbahn im Fußball und für Squash, als 16-Jähriger war ihm klar: „Ich will in die Bundesliga und in die Sportfördergruppe der Bundeswehr!“ Zunächst jedoch stand, weil in einem Randsport wie dem Squash kein finanzielles Polster lockt, die berufliche Ausbildung im Vordergrund. Nach dem Realschulabschluss absolvierte der 1,82 Meter große Athlet eine Ausbildung zum Werkstoffprüfer in der Fachrichtung Metalltechnik, die direkt nach dem Schulende startete. Ebenfalls nur einen Tag nach der bestandenen Ausbildung startete er seinen Grundwehrdienst, an dessen Ende die Aufnahme in die Sportfördergruppe stand. „Und dort bin ich seitdem, und ich bin extrem dankbar dafür, dass mir die Bundeswehr die Sicherheit gibt, mich voll auf den Sport konzentrieren zu können“, sagt er.